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The White Stripes

Rot-Weiß sind die Vereinsfarben des FC Bayern München. Außerdem kennen wir Redman, White Zombie, "Red Red Wine" und White Russian. Auch bei den White Stripes ist auf den ersten Blick nur von "weißen Streifen" die Rede, doch ihr Image ist so rot-weiß wie Oberhausen. Man werfe nur einen Blick auf das Cover ihrer dritten Platte "White Blood Cells" oder auf frühe Pressefotos.
Im Detroit Circuit schon seit Jahren ein Name, wird um das dritte Werk des Duos Jack und Meg White 2001 auch in Europa ein Hype veranstaltet, dass es bald rote Rosen auf die Geschwister regnet. NME-Titelstory ("The Sound Of Now"), Geheimtipp der Sun (!), Einladung von John Peel, kurz: England zeigt sich mehr als verzückt. Und ja, auch David Letterman bekommt ein wässriges Maul.
Das erinnert ein wenig an die Umjubelungs-Arien bei den Strokes, deren rauh-ungestümes Proberaum-Soundbild auch im Ton der White Stripes dominiert. Doch Fräulein White ist an der Drum-Fußmaschine etwas anders trainiert. Blues-Wurzeln, Garage Rock-Vorlieben und Rockabilly-Wiederbelebungsversuche; dass eine Platte der Stripes durchgehend einer Sound-Richtlinie folgt, darf nicht erwartet werden.

Jack und Meg selbst kriegen Muffensausen, wenn sie im Bezug auf sich plötzlich Dinge lesen wie "Is Detroit the new Seattle?". Denn die Ein-Mann-Plattenfirma heißt zwar "Sympathy For The Record Industry", aber so war das ja auch nicht gemeint. Doch wie soll sich ein Hype vermeiden lassen, wenn ein angekündigter White Stripes-Gig im kultigen 100 Club in London Menschenmassen mobilisiert, wie laut Clubinhaber das letzte Mal bei Oasis 1994?

Bei der Band hat sich nichts geändert, sie klingt 2001 genauso rebellisch und laut wie 1997, als alles begann. Angeblich geht die Bandgründung exakt auf den Tag zurück, an dem die Franzosen den Sturm auf die Bastille feiern. Meg an den Drums, Jack an der Gitarre, Mikrofon aufgedreht und Rock'n'Roll aus den Boxen. Die ersten Singles mit rot-weißen Süßigkeiten auf dem Cover bergen rauhen Inhalt, der auf verschwitzten Detroiter Clubgigs reißenden Absatz findet.

Punk-Blues mal ganz anders als bei Jon Spencer, minimalistisch und rotzig eben, energiegeladen und jeden Moment anders. Tourneen mit Pavement (1999) und Sleater Kinney (2000). Enthusiastische Japaner und Australier nach dem Zweitwerk "De Stijl", benannt nach der holländischen Künstlerzeitschrift (u.a. Piet Mondrian), deren Bestreben es war, dem modernen Menschen etwas Neues in der schöpferischen Kunst näherzubringen. Die Entwicklung eines neuen Schönheitskonzeptes als Ziel. Die White Stripes bringen nichts radikal Neues, doch was sie erschaffen, könnte Bestand haben. Ein Rückgriff auf einfache, klare Strukturen ist jedenfalls unschwer auszumachen.

So richtig ins Rollen kommt der Stripes-Zug aber erst zwei Jahre später mit "Elephant", dem kommerziellen Durchbruch für die Band. Ausverkaufte Häuser in ganz Europa zementieren den neuen Stellenwert. Eine unschöne Geschichte ereignet sich dann kurz darauf im Sommer 2003, als Jack seinem ehemaligen Kumpel Jason Stollsteimer (Sänger der Von Bondies) in einem Detroiter Club mächtig die Fresse poliert. Aus Notwehr, wie White behauptet. Stollsteimer hingegen besteht darauf, dass er von White angegriffen wurde, nachdem der ihm ein Gespräch verweigerte. Der Disput endet in einem 500 Dollar-Bußgeld für den White Stripes-Sänger. Zusätzlich muss er Kurse besuchen, um seine Aggressionen in den Griff zu bekommen.

Mit seiner Schwester taucht Jack Anfang 2004 im Film "Coffee And Cigarettes" von Jim Jarmusch auf und obendrein dürfen sich beide über zwei Grammys freuen: einen gibts für das "Best Alternative Album" und Jack erhält den "Best Rock Song"-Pott für "Seven Nation Army". Im Spätsommer sind in Deutschland bereits 100.000 "Elephant"-Einheiten abgesetzt, was zur Verleihung einer Goldenen Schallplatte führt. Die weltweiten Verkäufe des Albums belaufen sich im Juni 2005 auf vier Millionen Einheiten. Derweil freuen sich die Fans an der Live-DVD "Under Blackpool Lights", einem in 8 Millimeter gedrehten Konzert-Film, der den Live-Wahnsinn der "Elephant"-Tournee noch einmal wohnzimmergerecht nachstellt. Die Live-Single des Dolly Parton-Klassikers "Jolene", längst ein Konzert-Highlight der Band, verkauft sich ebenfalls blendend.

In der Bandauszeit kümmert sich Jack mit Loretta Lynn um ein weiteres Country-Idol aus alten Jugendtagen. Er produziert ihr Album "Van Lear Rose" und heimst dafür prompt zwei Grammys in den Sparten "Best Country Album" und "Best Country Collaboration With Vocals for 'Portland, Oregon'" ein. Anfang 2005 beschließen die White Stripes, den ganzen Album-Promotion-Tournee-Zirkus ein wenig neu zu justieren. Heißt: keine Superstar-Bequemlichkeiten, sondern harte, konzentrierte Arbeit. Anstatt sich also zwei Jahre coldplaygleich ins Studio zu verkrümeln, nehmen Jack und Meg in weniger als zwei Wochen das Album "Get Behind Me Satan" auf, das im Juni 2005 erscheint.

Eigentlich ein wahres Wunder, denn das Werk ist eine Art Mini-Oper, für die die Band erstmals massig Piano, Marimbas und Xylophone zusätzlich einspielt. Nicht von ungefähr klingt das experimentelle Ergebnis ein wenig nach Brecht/Weill, Nick Cave, und auch Queen, da Jack mächtig mit Falsetto-Gesang operiert. "Es war das erste Album, das wirklich einen schweren Entstehungsprozess hatte", resümiert Jack in einem Interview mit der L.A. Times kurz nach der Veröffentlichung. "Nicht weil uns die Inspiration ausgegangen wäre, sondern weil ich mich gezwungen habe, jeden Tag Songs zu schreiben, was ich normalerweise nicht tue. 35 kamen dann ungefähr zusammen." Außerdem seien im Laufe des Aufnahmeprozesses mehrere Bandmaschinen und Mikros kaputt gegangen und es tropfte ständig Wasser vom Dach; alles Dinge, die die Band allmählich zur Verzweiflung brachte.

Zur Inspiration des kompromisslos "Get Behind Me Satan" betitelten Albums nennt Jack überraschend die Schauspielerin Rita Hayworth, die auch den zentralen Charakter des Songs "Take, Take, Take" darstellt. "Sie fasziniert mich seit langem", so White. "Früher, als ich noch meinen Laden mit Autositzbezügen hatte, hingen Fotos von ihr in meinem Van. Bei diesem Album hatte ich unzählige Bilder in meinem Kopf, ich musste mich auf eines konzentrieren und schließlich wurde sie mein Anker. Sie war eine Schönheit, eine Liebesgöttin. Das rote Haar, die Unschuldigkeit, und dann die Tatsache, dass sie aufgrund der Alzheimer-Krankheit ihr Gedächtnis verloren hat ... sie war ein Model, hat sich meines Wissens aber nie um die Fotos gekümmert."

Im wahren Leben gibt Jack am 1. Juni 2005 - natürlich auf Tournee - seiner Freundin Karen Elson in Brasilien das Ja-Wort. Elson spielt auch die rothaarige Dame im "Blue Orchid"-Video, für das Floria Sigismondi Regie führte (u.a. Marilyn Manson - "Beautiful People"). Ihr Album promoten die White Stripes, der düsteren Ausrichtung folgend, denn auch nicht in den gängigen Medienmetropolen, sondern neben Brasilien auch in Mexiko, Chile, Russland, Polen und Griechenland.





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