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Babyshambles

2002, ein beliebiges Konzert der Libertines: es gibt erst ein Album der Band. Keine Hysterie. Und vor allem keine Klatschzeitungen, die über diesen jungen, gefallenen Helden mit einer Anziehungskraft, wie sie nur besonders charismatische Sänger und Schauspieler besitzen, berichten. Schon bei diesen ersten größeren Autritten ist dem Publikum schnell eines klar: Bei Pete Doherty ist nichts aufgeräumt, er sieht fertig aus. So, als sei er drauf. Immer.
Später stellt sich diese Vermutung als wahr heraus. Heute meint jeder, sich denken zu können, was mit Doherty schon damals los war. Wahrscheinlich hat auch jeder Einzelne recht. Die eigentliche Geschichte der Babyshambles beginnt zwar nicht hier, sehr wohl aber damit: Mit den Drogen.
Klein Pete - am 12.3.1979 in Liverpool in eine streng katholische Familie geboren und in den Midlands, Birmingham, Shepherd's Bush/London, in Remscheid/Deutschland ... aufgewachsen (sein Vater ist Major bei der Armee) - entdeckt angeblich schon mit acht Jahren seine Liebe dafür, mit Hilfe von Musik den Leuten in seinem Umkreis etwas mitzuteilen. Anstoß dazu gibt eine Gruppe, die seiner Klasse auf spielerische Art und Weise - mit Hilfe von Songs - wichtige Dinge beibringen soll.

Das interessiert Petit Pete wesentlich mehr, als den Rest, den er in der Schule beigebracht bekommt, obwohl er stets gute Noten nach Hause bringt. Noch als Teenie verleiht ihm das britischen Kultusministerium eine Auszeichnung für seine Gedichte. Fast logisch, dass er später beginnt, mit einem Freund Songs zu schreiben.

Darum, wie sich Doherty und besagter Freund Carl Barât kennen lernen, ranken sich viele Geschichten. Alle haben etwas mit Mädchen (in dem Fall Schwestern) und einer Prügelei zu tun und finden angeblich 1997 statt. Diese Hassliebe wird die Freundschaft der beiden musikalischen Genies und die Laufbahn ihrer gemeinsamen Band begleiten. Leider wird sie auch das Ende dieser großartigen Formation bedeuten. Und damit den Anfang der Babyshambles, Petes eigenem Projekt.

Da Doherty einen enorm hohen kreativen Output hat, beginnt er schon kurz nach Veröffentlichung des Libertines-Debüts "Up The Bracket", an neuen Songs zu doktorn. Heraus kommen die Babyshambles-Sessions, die er nach anfänglicher Beteiligung von Carl Barât alleine in einem New Yorker Hotelzimmer aufnimmt. Die drei CDs, die dabei entstehen, stellt er ins Internet. Trotzdem erscheinen einige der darauf enthaltenen Songs später auf der EP "Don't Look Back Into The Sun" und dem selbstbetitelten Zweitwerk der Libertines.

Während die anderen auf Tour gehen, fliegt Pete wegen übermäßigen Drogenkonsums aus der Band und raubt zu allem Überfluss im August 2003 Carls Wohnung aus. Schon zu diesem Zeitpunkt versucht Pete trotzig, ein eigenes Projekt auf die Beine zu stellen, und nennt dieses zunächst ganz dreist auch The Libertines. Das Internet avanciert dabei zum wichtigsten Medium Dohertys. Dort kommuniziert er mit den Fans und verabredet Auftritte. Über einige Gigs in seiner Wohnung, oder in denen seiner Fans, geht dies zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht hinaus.

Pete scheint nun vorrangig zwischen Knast und Entzugversuchen hin und her zu taumeln. Irgendwie schaffen es die Libertines, ein zweites Album aufzunehmen, Pete und Carl werden dabei von Bodyguards an Prügeleien gehindert. Doch nach einem weiteren missglückten Rehabilitationsversuch ist Schluss mit lustig. Pete ist nicht mehr dabei. Nach einer Tour, auf der es Pete verboten ist, seine Songs zu spielen, und einem missglückten Entzugsversuch in Thailand gibt es in England gleich wieder Ärger mit der Polizei. Nur knapp schrammt Doherty an einem zweiten Knast-Aufenthalt vorbei.

Es steht nicht gut um den Jungen mit dem Knautsch-Gesicht. Der Ort, an dem man ihn regelmäßig sieht, sind die Klatschspalten diverser englischer Boulevard-Blätter. Es wird gemunkelt, er lasse sich seine Skandal-Interviews bezahlen und finanziere so seine öffentlich gelebte Drogensucht. Im Januar 2005 dann die Jubelnachricht für die Yellow Press: Seine neue Freundin ist keine geringere als das britische Super-Model Kate Moss.

Doch es gibt auch einen Pete abseits des Gossips: Der schreibt weiter wie ein Wahnsinniger Songs und hat seine Babyshambles von einem Ein-Mann-Projekt zu einer Band erweitert. Zusammen mit seinem Kumpel Wolfman schreibt er den Top Ten-Hit "For Lovers", an dessen Fertigstellung - kaum zu glauben - auch Carl Barât beteiligt ist. Er steht im April 2004 in den Läden. Die erste, selbstbetitelte Single der Babyshambles erscheint im selben Monat in einer Mini-Auflage von gerade einmal 1.000 Stück auf High Society Records. Wer daran außer Pete beteiligt ist, ist nicht sicher.

"Das Härterste war, das Line-Up zusammen zu bekommen", behauptet Doherty später. Doch im Sommer 2004 hat er es endgültig geschafft: Neben Pete am Mikro und Akustik-Gitarre stehen nun sein langjähriger Freund Patrick Walden als Gitarrist, dessen Kumpel Drew Mcconnell (spielt auch bei The Phoenix Drive) am Bass und Gemma Clarke hinterm Schlagzeug. Letztere lernt Doherty einige Jahre zuvor kennen, als dieser mit den Libertines im Studio von Gemmas Vater probt.

Ihre erste Tour führt die Band im September und Oktober quer durch England. Mit von der Partie ist auch Dot Allison (One Dove/Death In Vegas/Massive Attack), die Pete über ihren Bruder kennen lernt. Dieser betreibt eine Zeitschrift namens Full Moon Empty Sportsback, für die Pete ab und zu Artikel beisteuert. Sämtliche Gigs erscheinen improvisiert, das Publikum entert die Bühne und sorgt - sollte die Band nicht auftauchen, was gelegentlich der Fall ist - für ordentlich Randale.

Auch die folgende Tour im Winter 2004 wirft kein gutes Licht auf den Zustand Pete Dohertys und seiner Band. Immer wieder sagen sie aus den mannigfaltigsten Gründen Konzerte ab. Mal gelangen sie nicht rechtzeitig zu den Gigs, dann wieder steht Doherty angeblich kurz vor einer Überdosis. Doch auch total weggeschossen erklimmt er noch die Bühne. Der Band scheint es immer unmöglicher, mit Pete aufzutreten. Trotzdem erscheint im November 2004 "Killamangiro". Die erste Single, die die Vollbesetzung der Babyshambles aufnimmt, erklimmt in den britischen Charts Platz acht.

Nach einem missglückten Silvester-Marathon hat Gemma genug. Das Mädchen, das auf Tour "Findet Nemo" auf Heavy Rotation guckt und sich nach ihren Pferden und Hunden sehnt, schmeißt die Tücher hin. Sie ist vom Managament enttäuscht, das ihrer Meinung nach dem übermaß nehmenden Drogenkonsum der anderen Bandmitglieder nicht genug Einhalt gebietet. "Deshalb ging alles den Bach runter" erzählt sie später in einem Interview. Sie war mit den Jungs einfach nicht mehr auf einem Level. "Ich konnte nicht mehr mit ihnen reden." Mitte Januar ist sie raus und zurück bei ihrer alten Band, den Suffrajets. Als Ersatz kommt Adam Ficek, den Doherty später als "Den Gesunden" der Band bezeichnet.

Er selbst ist jedoch weiterhin weit entfernt von einem Zustand, den man als gesund beschreiben könnte. Pete lässt sich im Februar 2005 zwar ein Implantat einbauen, das ihn bei seinem schwachen Kampf gegen die Drogen unterstützen soll. Doch es scheint alles nichts zu bringen. Inzwischen lugt er mit seiner Katie von jedem Yellow Press-Titelblatt. Für ein Interview bekommt er schon mal einen fünfstelligen Betrag geboten.

Im April und Mai trifft sich die Band mit Mick Jones im Studio und versucht, die Songs fürs Debüt-Album aufzunehmen. Kaum einer glaubt daran, dass dieses jemals fertig wird. Sogar Doherty selber gibt gegenüber dem Radiosender XFM zu: "Es war immer klar, dass wir das Album machen würden. Wir mussten nur alle in einen Raum bekommen und den Aufnahme-Knopf drücken. Naja, Aufnahme zu drücken war einfach, es war nur ein kleines Problem in den Raum zu kommen."

Im August 2005 erscheint die dritte Single der Band. "Fuck Forever" schockiert mit Titel und Cover: Die Schemen eines Jungen, der eine Pistole auf den Käufer richtet. Aber das macht der fanatischen Fan-Fraktion in Großbritannien nichts aus. Sie befördern das gute Stück mit ihren Käufen auf Platz vier der Single-Charts.

Doch spätestens einen Monat später ist auch das letzte Bisschen gute Laune aus Dohertys Leben gewichen. Das britische Boulevardblatt Daily Mirror titelt "Cocaine Kate". Ein Mensch aus Dohertys nahem Umfeld soll die Band und Kate im Studio beim Koks ziehen mit seinem Handy gefilmt und dann an den Daily Mirror verkauft haben.

Ein Schuldiger ist bald gefunden und gefeuert: Angeblich war es der Tour-Manager. Leider weigern sich die vier nun, von ihm vereinbarte Gigs zu spielen. So fällt die November-Tour auf dem europäischen Festland kurz vor ihrem Start ins Wasser.

Außerdem sickert durch, das Cover-Design fürs Babyshambles-Debüt "Down In Albion" sei auf einem Flug verschwunden/geklaut worden. Mutmaßungen, die Band wolle damit verschleiern, dass das Album noch nicht fertiggestellt sei, verlaufen aber schnell im Sande. Mitte Oktober findet das fertige Werk seinen Weg ins Internet. Dieses Mal ist ausnahmsweise nicht davon auszugehen, dass Doherty selbst dahinter steckt. Bis zur Veröffentlichung des Albums hat sich die Hysterie um die Band und vor allem die Person Doherty von der Insel auf Europa ausgeweitet.

Kein Wunder: Pete Doherty besitzt die faszinierende, ja fesselnde Aura des kaputten, mit seinen Grenzen spielenden Genies. Er erwischt die Jungs bei ihren Träumen von dem gewissen Mehr an Rock'n'Roll in ihrem Leben. Bei Mädchen löst er mit seinem Kindchenschema-Gesicht einen fehlgeleiteten Mutterinstinkt aus. Diesem Jungen muss man doch helfen können. Und wenn das schon nicht möglich ist, muss man ihn wenigstens verehren. Für den Rest befriedigt er einfach nur die Sensationsgier, die jedem Menschen zueigen ist.

Doch da wäre noch die Musik: Rau und doch sensibel klingen die Songs, die Doherty für die Libertines komponierte. Zwar spürt man auch auf "Down In Albion" ein Aufmucken gegen gesellschaftliche Standards, alles erscheint jedoch - obwohl es noch verstimmter klingt - sanfter als bei den Libertines. Das ist jedoch kein Wunder, fehlt hier die Reibung am Gegenpart in Person des Carl Bârat.

Unglaublicher Weise schafft es die Band sogar nach dem Album-Release einige Konzerttermine wahzunehmen. Kurz vor Weihnachten verlässt allerdings das zweite Drogenopfer der Band, der Gitarrist Patrick, die Band. Wie es zunächst scheint, ist dies eine endgültige Entscheidung. Doch da bei den Babyshambles immer alles anders läuft, als man es erwartet steht er Ende Januar plötzlich wieder mit auf der Bühne.

Im Februar 2006 verurteilte ein Londoner Gericht den Babyshambles-Frontmann zu zwölf Monaten gemeinnütziger Arbeit und einer Drogentherapie. In Anbetracht der Tatsache, dass Doherty sich in wenigen Wochen mehrfach erwischen ließ, ein mildes Urteil, das allerdings auch einen Haken hat: sollte er sich nicht an die Auflagen des Gerichtes halten, wird Pete sicherlich die volle Strenge des Gerichts zu spüren bekommen ...





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